„Altes“ Rathaus Rellinghausen

Am 1. Januar 1876 entstand die Bürgermeisterei Rellinghausen als selbständiger neuer Verwaltungsbezirk des Landkreises Essen. Sie setzte sich zusammen aus der Gemeinde Rellinghausen mit den Gemarkungen Rellinghausen, Heide und Bergerhausen (abzüglich des Teils von der Spillenburg bis Steele), sowie der Gemeinde Heisingen, die besondere Etat-Gemeinde blieb.

Erster Bürgermeister wurde Joseph Sartorius, der am 8. Januar 1876 von Landrat Freiherr von Hoevel in sein Amt eingeführt wurde. Der Bau dieses Rathauses wurde gleichzeitig mit der Errichtung der Bürgermeisterei Rellinghausen beschlossen.

Das Baugrundstück von 130 Ruten (a 15,59 m) Größe erwart die Gemeinde von Arnold Kirchfeld zum Preis von 36 Mark pro Rute. Es liegt an der 1848 – 1851 gebauten Provinzialstraße (heute Frankenstraße) von Steele nach Bredeney, an einer wichtigen Straßenkreuzung. Gegenüber zweigt die Heisinger Straße (heute Sartoriusstraße) ab, neben dem Grundstück führt ein Weg talabwärts, am früheren Mühlenteich vorbeiführend nach Essen.

Nach erfolgter öffentlicher Ausschreibung wurde der Entwurf des Architekten Friedrich Kunhenn ausgewählt, ihm auch die Bauleitung übertragen.

Der Kostenanschlag lautete auf 32.025 Mark, Materiallieferungen und beigestellte Arbeiten ergaben einen Abzug von 15% der Voranschlagsumme. Die Bauarbeiten führten die Gebrüder Moser aus Essen aus. Nach Fertigstellung und erfolgter Abnahme des Neubaus wurde das Rathaus am 1. November 1877 bezogen. Die Abrechnungssumme betrug 26.944 Mark, wofür der Bürgermeistereirat dem Architekten Kunhenn seine Anerkennung für die korrekte und befriedigende Bauleitung und Bauausführung aussprach.

Das Gebäude entspricht nicht dem damals typischen Bild eines Rathausgebäudes und war als Zweckbau geplant. Der Verzicht auf zeitgenössischen Neo-Baustil wie Renaissanceformen und Gotik weist in der Orientierung auf Schinkel hin, der sich im Reich vielerorts durchgesetzt hatte.
Der massige Bau hat rote Klinker und Sandsteinelemente. Besonders an der Rückseite wurde das geometrische betont, mit flachen und vereinfachten Formen. Als Zugeständnis an den herrschenden Zeitgeist wurde die Eingangsfront an der Provinzialstraße mit dekorativen historisierenden Elementen, darunter ein Preußenadler, versehen.

Beim Erstbezug 1877 diente das Erdgeschoß Verwaltungszwecken, während Bürgermeister Sartorius die Räume im Obergeschoß als Dienstwohnung zugewiesen bekam.
Im EG waren so unterschiedliche Bereiche wie allgemeine Verwaltung, Polizei, Militär, Gemeindekasse und Standesamt untergebracht. Durch das Anwachsen der
Dienstgeschäfte war eine Vergrößerung des Verwaltungsbereichs notwendig geworden, sodass Sartorius 1903 in ein nebenan errichtetes neues Dienstgebäude mit Bürgermeisterwohnung, umzog und die Räume im Obergeschoß freimachte.
Nach Auflösung der Bürgermeisterei Rellinghausen im Jahr 1910 wurden einige Räume an das Telegrafenamt vermietet. 1912 wurde im Dachgeschoß eine Wohnung eingerichtet. 1924 saß unter anderem ein Stadtmedizinalrat im Haus, daneben nutzte die Stadtsparkasse den Tresor- und einen Kassenraum.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde ein Teil des Kellers zu einem Schutzraum umgebaut. 2005 zog als letzter Nutzer nach dem Einwohnermeldeamt das Jugend- und Sozialamt aus.

Nachdem sich die Bürger Rellinghausens jahrelang vehement für den Erhalt und eine neue Nutzung des leerstehenden Gebäudes eingesetzt hatten, erwarb im Jahr 2012 die GSE Gesellschaft für Soziale Dienstleistungen Essen mbH das Gebäude, sanierte es und baute es zu einer Tagesklinik um.
Text: Johannes P. Stoll 2016

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