Stiftplatz

 Der Stiftsbezirk des adeligen Damenstiftes Rellinghausen 

 befand sich bis zu seiner Auflösung mitten im Herzen Rellinghausens, etwa zwischen den Straßen Am Glockenberg, Frankenstraße und Rellinghauser Straße gelegen. 

Nach der Überlieferung war das Stift um das Jahr 996 von der Essener Äbtissin und Kaiserenkelin Mathilde gegründet worden. In der seit Gründung vorgesehenen Form existierte es noch bis zur Säkularisation im Jahre 1802. Ein Jahr später wurde das Stift als paritätische Einrichtung für adelige Töchter verdienter preußischer Offiziere neu gegründet und hat so noch bis 1811 überlebt. Bereits kurz nach dieser nun endgültigen Auflösung wurden einige Stiftsgebäude aus unterschiedlichen Gründen niedergelegt. Abermals fielen dann in den Jahren zwischen 1960 und 1975 alle Häuser, die auf dem heute als bloße Rasenfläche erscheinenden Stiftsplatz gestanden hatten, einer kaum mehr nachvollziehbaren Abrisswut zum Opfer.

Immerhin konnten von den ehemals zum Stift gehörenden Bauten und Einrichtungen noch neun in unsere Zeit hinübergerettet werden, die alle eine jeweils spezifische Funktion im Stift hatten und damit ein Stück Stiftsgeschichte repräsentierten. Dazu gehören:

• Das Konventgebäude, auch „Steinhaus“ genannt, welches heute die Gaststätte „Altes Stiftshaus“ be- herbergt

• Der zurücksprengende Anbau „Im Huck“

• Das einstige Brauhaus, heute zum Pfarrheim um- funktioniert

• Das Küsterhaus

• Das Armenhaus (ursprünglich das erste Schulhaus) an der Kirche, die beide heute als Wohnungen dienen

• Die Stiftskirche, heute katholische Pfarrkirche

• Das Propstinnenhaus (die Probstei) unterhalb der Kirche

• Die alten Friedhöfe neben der Kirche

• Ein Stück Stiftsmauer hinter den Häusern Frankenstraße 143-145

Über das Wie und Warum der Stiftsgründung durch die wohl bedeutendste der Essener Äbtissinen wissen wir nur wenig. Vor allem ist bislang unklar, wie Rellinghausen in den Besitz des Essener Damenstiftes gekommen ist. Ein frühes Schriftstück von 860 lässt lediglich erkennen, dass hier eine Kirche bestanden haben muss, die zum Hofe eines gewissen Eggihart und dessen Frau Rikhild gehörte. Dieses Ruoldinghus, wie das Besitztum wohl nach einem Vorfahren namens Ruold hieß, wird in genannter Urkunde ausdrücklich aus der Zehntpflicht an das Stift Essen ausgenommen. 

Kaum hundert Jahre später aber – im Jahre 943 – überträgt der damalige Kölner Erzbischof Siegfried die Zehntrechte von Relinghausen (Rellinghausen) der Benektinerabtei in Werden. 

Urkunden, die Näheres über die Gründung des Stifts erfahren ließen, existieren nicht mehr. Lediglich aus Verzeichnissen des hochadeligen Essener Stifts ist zu entnehmen, dass die kaiserliche Äbtissin um 886 in Rellinghausen für die Töchter des Dienstadels – also der Ritter und Grafen – ein Kanonissenstift ins Leben rief. Um diese Zeit wurde vermutlich auf den Fundamenten einer Vorgängerkirche die romanische Stiftskirche gebaut. 

Nach dem Willen der Gründerin sollte das Rellinghauser Damenstift eng mit dem Essener Mutterstift verbunden sein. Die höchste Würdenträgerin der Stiftsgemeinschaft, die Pröpstin, sollte darum stets aus den Reihen des hochadeligen Essener Stiftes gestellt werden. Oft bekleideten die Essener Äbtissinnen selbst dieses Amt. Der herausgehobenen Stellung wie auch dem Standesunterschied der Amtsträgerin entsprach wohl die abgesonderte Lage ihres Wohnsitzes. Die Probstei lag nach Nordwesten vorgeschoben, weit ab von den Wohnhäusern der übrigen Stiftsdamen.

 Eng mit dem Steinhaus in Verbindung stand die Dechanei. In ihr wohnte die Dechantin als zweite Würdenträgerin des Stiftes, welche seit 1669 sogleich die eigentliche Leitung des Kapitels innehatte. Sie war ferner mit der Aufsicht und der Verwaltung der Stiftsgebäude betraut. Ihr Haus existiert nicht mehr. 

Das andere an das Steinhaus angrenzende Gebäude, Stiftsplatz 2, diente einst als Vorratshaus oder Speicher. Da nur eine kleine Lücke oder Hucke zwischen den Häusern als Zugang freigelassen ist, heißt die Gegend im Volksmund „Im Huck“.

 Nach Westen grenzt an den heutigen Stiftsplatz als weiteres ehemaliges Stiftsgebäude das Stiftsbrauhaus an. Bierbrauen war in vergangenen Zeiten das Vorrecht der Landesherrn. So stand das Recht der Hefe- oder Grutbereitung in der Herrlichkeit Rellinghausen den Stiftsdamen zu. Die Grut bestand aus gerbstoffhaltigen Pflanzen, (Gagelkraut, Porsch, wilder Rosmarin u.a.) die man dem Bier zusetzte, ehe das Hopfenbier sich durchsetzte. Wer nun in Rellinghausen Bier brauen wollte, musste die Grut vom Stift beziehen. Eine gute Einnahmequelle! In späteren Jahren verkaufte oder verpachtete das Stift die Braulizenz an umliegende Wirte. Nach der Auflösung des Stiftes diente das Brauhaus lange als Wohnhaus. Die Kirchengemeinde ließ es 1979 aufwendig restaurieren und nutzt es heute als Pfarrheim. 

Wo sich heute die Rasenfläche des Siftsplatzes ausbreitet, hatten die Kurienhäuser verschiedener Stiftsdamen gestanden. Möglicherweise hat es in den früheren Zeiten des Stifts ein gemeinsames Schlafhaus, ein Dormitorium, gegeben. Später aber lebten die Damen in eigenen Häusern, welche sie je nach Vermögen ausstatten konnten. Das Stift war nämlich kein Kloster. Die adligen Frauen waren an kein Armutsgelübte gebunden. 

Auch stand es jeder Stiftsdame frei, die Gemeinschaft zu verlassen, um zu heiraten.

Der Stiftsbezirk dehnte sich noch bis jenseits der heutigen Frankenstraße aus und war von einer Mauer umschlossen, deren Reste sich hinter den Neubauten Stiftsplatz befinden. So führte auch die Frankenstraße selbst, die damals noch Unterstraße hieß, ein Stück weit durch das Stiftsgebiet hindurch. Ein Schlagbaum schloss das Gebiet der Stiftsfreiheit ab. Etwa in Höhe des Hauses Frankenstraße 145 hat das Schlagböhmerhus gestanden, dessen Bewohner den Schlagbaum zu bedienen hatten. 

Auch die Stiftsmühle hatte einst innerhalb der Stiftsfreiheit gelegen, nach Nordosten hin im Mühlbachtal. Das Gebäude samt Mühlenteich verschwand mit weiteren Bauten um 1920 unter der Dammaufschüttung der heutigen Frankenstraße.

Nach 800 Jahren Frauenherrschaft in Rellinghausen brachen 1802 die „herr“-lichen Zeiten an. Zunächst fiel das Stift an das Königreich Preußen, dann folgte ein kaiserlich-französisches Intermezzo von 1806 bis 1813. Das danach wieder regierende Königreich Preußen mauserte sich nach drei erfolgreichen Kriegen von 1864 (gegen Dänemark), 1866 (gegen Österreich) und 1870/71 (gegen Frankreich) zum deutschen Kaiserreich, was auch in Rellinghausen Spuren hinterließ. 

Von der Stiftskirche stammen aus Stiftszeiten nur noch der romanische Glockenturm und die Sakristei. Die Mauern des einstigen romanischen Langhauses waren infolge einer späteren Einwölbung im Laufe der Jahrhunderte nach außen gedrückt worden. Fast schon symbolisch drohte nach Auflösung des Stiftes der Einsturz des Gotteshauses. Der preußische Staat war nun in der Pflicht, seinen Beitrag zur Finanzierung eines Neubaus zu leisten. Wohl auch deshalb sprach er ein gewichtiges Wort bei der Neugestaltung mit. So ließ nun der berühmte preußische Baumeister Schinkel seine Vorstellungen einfließen und gab dem heutigen Kirchenraum die klassizistische Note. Die ebenfalls von Schinkel entworfenen Altäre wurden allerdings durch einen Bombenangriff im März 1943 vernichtet. Eine Restaurierung, die dem Raum etwas von seinem klassizistischen Glanz zurückgab, konnte bis zur 1000-Jahr-Feier 1996 fertiggestellt werden. Den schlichten Altarraum schmückt ein moderner Radleuchter von Gernot Rumpf. 

Die nach Norden angrenzenden Stiftsgebäude mitsamt Kreuzgang wurden 1825 im Zusammenhang mit dem Kirchenneubau abgerissen. Seine einstige Lage und die der damals niedergelegten übrigen Stiftsbauten sind aus dem Grundriss ersichtlich.

Östlich dieser Stiftsbauten hatte sich ein eigener Friedhof für die Stiftsjungfrauen befunden. Ein einzelnes Grabmal nordöstlich der Kirche blieb erhalten. Die alten Grabsteine südlich der Kirche hingegen kennzeichnen den Friedhof der Bauern des Stiftsgebietes. Jede Bauernfamilie besaß hier eine Grabstätte, die bis zum Jahre 1826 immer neu belegt wurde. Traten dabei Knochen zutage, barg man sie im Beinhaus. Der Friedhof war kein abgeschiedener Ort. Hier fanden zahlreiche Gottesdienste statt. Und auch das Hofgericht des Oberhofes Kitchfeld hatte über Jahrhunderte auf dem Friedhof unter einem Nussbaum getagt.

Um diesen Friedhof gruppierten sich verschiedene Gebäude. Etwa bei der Kalvariengruppe stand lange das erste Armenhaus. Sozialfürsorge verstand sich früher als unmittelbare Aufgabe der Stifts- und Dorfgemeinschaft.

Der noch existierende Fachwerkbau gleich neben der Kirche war das erste offizielle Schulhaus Rellinghausens. Die Rellinghauser Schule darf sich als eine der ältesten Volksschulen im weiten Umkreis rühmen, in der regelmäßiger Unterricht erteilt wurde. Ermöglicht hatte dies eine Schul-und Orgelstiftung des Domkantors Wilhelm Franz von Vittinghoff-Schell, damaliger Besitzer des Schlosses Schellenberg, im Jahre 1678. Mit einem Kapital von 600 Reichstalern, welches er zinsbringend an die Bauern des Stiftes verlieh, sicherte er das Gehalt des Lehrers auch in Notzeiten. Als diese erste Stiftsschule 1836 wegen Baufälligkeit abgerissen wurde und in die früheren Kurienhäuser auf dem Stiftplatz umzog, richtete der nunmehrige Schlossherr, Freiherr Max von Vittinghoff, auf gleichem Grund ein neues Armenhaus ein.

Das direkt neben der Schule befindliche Küsterhaus, seit 1670 erwähnt, diente dem jeweils tätigen Küster als Wohnung. Sein Gehalt von etwa 50 Talern jährlich wurde durch Naturalien ergänzt, die er selbst auf den Stiftshöfen einsammeln musste. Neben einem Reinigungs- und einem Öffnungsdienst an und in der Kirche war dem Küster vor allem das Läuten der Glocken sowie deren sorgsame Pflege übertragen. Eine durchaus wichtige Aufgabe! Man muss bedenken, dass die Glocken nicht nur zum Gottesdienst riefen, sondern – etwa die Sturmglocke – auch eine wichtige Meldefunktion hatten in einer Zeit, die kein Radio und kein Telefon kannte. Diese alte Glocke von 1643, die wohl manchen Sturm und drohende Konfiszierungen, nicht aber die Bomben von 1943 überstanden hatte, flankiert mit der ebenfalls ausgedienten Kreuzglocke von 1500 heute das Kirchenportal. Zu den Aufgaben des Küsters sei noch angemerkt, dass er zeitweilig auch noch das Amt des Schulmeisters versah. Die Aufsicht über die Kirchenkleinodien sowie die kirchlichen Geräte und Gewänder hingegen oblag einer Küsterin aus dem Kreis der adeligen Stiftsdamen.

Deutlich von den übrigen Stiftsbauten unterschied sich durch seine Bauweise das in alten Lageplänen als „Steinhaus“ ausgewiesene Konventgebäude. Denn mit Ausnahme der Stiftskirche waren alle übrigen Häuser des Stiftsbezirks in Fachwerkbauweise errichtet. Das Gebäude wurde zwischen 1560 und 1580 vermutlich auf einer älteren Wehranlage errichtet. Die hohen Fensterwölbungen an der Ostseite zeigen an, dass sich hier einst der Festsaal des Stiftes befunden hatte, der sogenannte Konventsaal. Dort dürften sich die Stiftsdamen zur feierlichen Wahl ihrer Pröpstin und der Dechantin als deren Stellvertreterin eingefunden haben. In diesem Saal musste auch die Ahnentafel mit den Wappen ihrer 16 adligen Vorfahren drei Wochen lang zur öffentlichen Begutachtung aushängen, wenn eine junge Adlige im Stift Aufnahme finden sollte. Erst wenn zwei Verwandte die Richtigkeit dieses Ahnenpasses beeidet hatten und damit sicherstellten, dass sie alle wirklich adlig und ritterbürtig geboren seien, wurde über die Aufnahme entschieden. Unter dem Festsaal befand sich der große Weinkeller des Stiftes. Dort lagerte der Wein, den es von seinem Weingut Uedorf bei Bonn bezog.

Nach der Auflösung des Stiftes wurde das Konventgebäude verkauft und in ein Wohnhaus umgebaut, wobei es etliche Veränderungen erfuhr. Fast schon dem Abriss preisgegeben, konnte es dank des vehementen Bürgerprotestes und eines mutigen Investors gerettet werden. Es birgt nach einfühlsamer Restaurierung seit 1983 die Gaststätte „Altes Stiftshaus“. Der hohe Gastraum mit einem herrlichen Kamin, stellt sich so authentisch dar, dass er 1997 die Kulisse für die Wirtshausszene in der Verfilmung des Musicals „Les Miserable“ bot.

 Diese Informationswand wurde ermöglicht durch Unterstützung der Bezirksvertretung II und durch freundliche Hilfe des Amtes für Geoinformation der Stadt Essen. Text: Marlies Holle. Bilder: Archiv der Bürgerschaft

Der heutige Stiftplatz

Der heutige Stiftplatz hatte« als er gegen Ende des 19. Jahrhunderts als Pia« angelegt wurde Kaiserplatz geheißen. Denn Zweckbestimmung des damals von zahlreichen Bauten umrahmten viel kleineren Platzes war die Aufstellung eines Kriegerdenkmals, welches eine Büste von Kaiser Wilhelm I. krönen sollte.

Das entsprechend dem Zeitgeschmack gestaltete Denkmal wurde 1895 – ganz damaliger patriotischer Gesinnung folgend – am Sedanstag (Erinnerung an die Schlacht bei Sedan) unter großer Beteiligung der Rellinghauser Bürger eingeweiht. Die Bilder zeigen Denkmal und Umfeld um 1900, umgeben von etlichen nicht mehr existierendem Bauten, die weit in den Bereich der heutigen Frankenstraße hineinragten und dadurch überhaupt erst den Platzcharakter schufen. Denn auf der jetzigen Rasenfläche befanden sich die Schulgebäude.

Als die Bürgermeisterei Rellinghausen 1909 nach Essen eingemeindet wurde, hielt die Essener Volkszeitung (Ausgabe 10. 4. 1909) das Denkmal für „künstlerisch so unbedeutend und“ – da die Stadt ja das „stattliche“ Reiterdenkmal Wilhelm I. besitze — auch für „überflüssig“, so dass es entfernt werden könne. Dieses Denkmal steht noch immer.

Ganz anders geschah es mit den Kurienhäusern, den Wohnhäusern der einstigen Stiftsdamen, nach denen der Platz am Ende der kaiserlichen Zeit in Stiftplatz umbenannt wurde.

Im Jahre 1953 schrieb Heimatforscher Ludwig Potthoff: „Von den verschiedenen Kurien sind heute nur noch zwei übrig geblieben. In der einen befindet sich die Stadtarztstelle. Die Stadt bemüht sich, dieses wertvolle Denkmal früherer Wohnkultur zu pflegen und zu erhalten.“

Von solchen Bemühungen war 8 Jahre später nichts mehr zu spüren: Die Kurie der Stiftsdamen von Kolf und von Blittersdorf, die über 100 Jahre die Stiftschule beherbergt hatte, wurde 1961 abgerissen. Dabei hatte Potthoff seine Zuversicht gerade hinsichtlich dieses Gebäudes gut begründen können: „Es ist die besterhaltene Kurie und gibt uns einen Einblick in die Wohnkultur vor 200 Jahren. Daneben ist das Gebäude in seinen äußeren Verhältnissen und seiner Flächenaufteilung ein Meisterwerk damaliger Baukunst. Überdies weist das Haus alte Stuckdecken, eine herrliche Barocktreppe und eine kunstvolle Eichentür auf.“ Und obgleich auch Kunst- und Baufachleute das Haus von 1773 hoch einschätzten, geriet es als erstes unter die Abrissbirne.

Immerhin erbarmte sich das Ruhrlandmuseum eines kostbaren Baudekors. Die in Stein gehauenen Familienwappen der beiden Stiftsfräulein, welche sich über der barocken Eingangstür befunden hatten, wurden dem Museumsbestand zugeführt.

Die zweite Kurie, die schon einige Umgestaltungen erfahren hatte und sicher weniger aufwendig ausgestattet war, gehörte zwei Stiftsdamen von Wiedenbrück. Später erwarb der Lehrer Perez das Haus. Durch Erbgang kam es an den Schmied Kalveram, der daneben eine Schmiede errichtete. Nach Abriss der stattlicheren Kurie von Kolf wollten die Rellinghauser Bürger nun auf der Hut bleiben und mit Plakataktionen den Abriss des letzten Kurienhauses verhindern.

Doch auch diese Bemühungen gingen ins Leere, scheiterten an der Entschlossenheit der damals politisch Verantwortlichen. Im Morgengrauen des 14. Dezember 1971 fiel das Haus im Ansturm des Baggers.

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