Die Annenkapelle

Gesamtansicht Barockaltar
Annenkapelle um 1900 mit unverstelltem Blick auf die Stiftskirche

 Die Annenkapelle verdankt ihre Entstehung einem Hostienraub, der sich nach der Überlieferung am Jakobustag – 25. Juli – des Jahres 1516 ereignet haben soll. Es war der Tag, an dem in Rellinghausen das Kirchweihfest gefeiert wurde. Gemäß einer um 1550 verfassten Niederschrift hätten nach dem Festgottesdienst „…. etliche böse Leute …. die ehrwürdige Kirchspielskirche zu Rellinghausen diebisch beraubt … das Ciborium mit dem heiligen Sakrament … genommen, sind damit geflüchtet und haben, als sie sich verfolgt glaubten, … das … heiligte Sakrament aus dem Ciborium geschüttet … an einer Hecke nahe bei Rellinghausen …. Durch Gottes Vorsehung wurden (die Hostien) gefunden und mit großer Ehrerbietung … in Prozession mit Fahnen und Kreuzen …, unter dem Geläut aller Glocken, unter Beteiligung der ganen Gemeinde … wieder in die Kirche …. gebracht.“

Die Begebenheit muss tiefen Eindruck auf die Menschen gemacht und ihre Gemüter arg beschäftigt haben, galt doch Hostienraub als eines der schlimmsten Verbrechen. Die Stelle des Dornstrauchs wurde mit einem Zaun eingefasst und bald die „heilige Stätte“ genannt. Auch Pilger fanden sich ein. So reifte der Entschluss, eine Sühnekapelle zu bauen. Diese erste Kapelle – wahrscheinlich ein Fachwerkbau – wurde konsekriert als Kapelle „Corporis Christi zur heiligen Stätte“.

Es blieb nun nicht aus, dass die Geshichte mit frommen Legenden ausgeschmückt wurde. So erzählte man bald, ein Schäfer mit seiner Schafherde habe am Tage nach dem Hostienraub das Tal des Mühlenbaches durchstreift und plötzlich gesehen, wie die Schafe vor jenem Dornenstrauch niederknieten. Erstaunt sei er hinzugetreten und habe die ausgestreuten Hostien erblickt. Eilig sei er dann zum Dorf gelaufen und habe die Nachricht überbracht.

Dieser Tag der Auffindung der Hostien – der 26. Juli eben -, ist der Festtag der hl. Anna. Da nun seitdem jährlich an diesem Tag mit Festgottesdienst und Prozession des Geschehens gedacht wurde, trat das Patronatsfest des heiligen Jakobus bald gegenüber dem neuen Anlass in den Hintergrund, wurde schließlich ganz verdrängt. Seit dem Spätmittelalter hatte ohnehin die Annenverehrung in Europa eine enorme Bedeutung erlangt, und so wurde auch die Sühnekapelle im Volksmund bald in Annenkapelle umbenannt. Schriftlich ist dies seit 1707 belegt. 



 Kapelle Corporis Christi zur 
heiligen Stätte um 1701 

 Die erste Kapelle muss Ende des 17. Jahrhunderts baufällig gewesen sein. Darum beauftragte man im Jahre 1693 den Baumeister Conrad Fischer mit der Neuplanung einer größeren steinernen Kapelle. Diese wurde 1701 fertiggestellt und existiert mit kleinen Abänderungen noch heute. Allerdings wurden 1841 bei einer umfassenden Renovierung sechs der ehemals zwölf Fensteröffnungen zugemauert.

Ganz im Stil ihrer Zeit erhielt die neue Kapelle einen Barockaltar. Von dem Altarbild, das die Szene der Hostienheimholung zeigt, existieren zwei Versionen. Das ursprüngliche – von unbekanntem Künstler erstellt – lässt im Hintergrund die Stiftskirche erkennen, wie sie vor deren Neubau 1826 ausgsehen haben muss. Dieses Bild befindet sich heute im Pfarrhaus.

Das jetztige Altarbild ist eine leicht abgewandelte Kopie, die 1907 von Johann Bartscher aus Oelde gefertigt wurde. Das Bild der Altarmensa, gern als Schäferlegende gedeutet, zeigt Moses vor dem brennenden Dornbusch. Und über der Altartafel ist eine Anna-Maria-Rostenstrauch-Darstellung zu sehen.

Als Brückenschlag zwischen dem ursprünglichen Patronatsfest und dem heute gepflegten Rellinghauser Annenfest dürften die Figurengruppen beiderseits des Altares verstanden werden: eine Anna-Selbdritt- und eine Jakobus-Darstellung.



 Mutter Anna mit Tochter Maria und Jesus als Kind 


 Jakoobus der Ätere (mit Pilgerhut) und Johannes 

Das die Kapelle heute unter Denkmalschutz steht, ist weniger auf ihre künstlerische Bedeutung zurückzuführen als auf die Tatsache, dass sie Zeugnis gibt für eine rund fünfhundert Jahre gepflegte Tradition. Das wäre nicht denkbar ohne den Einsatz von Menschen, die das Erbe bewahren. Seit 1968 tut dies in Rellinghausen der „Verein für Freunde und Förderer des Annenfestes.“ Dieser Verein stiftete 1992 auch die Bronze-Plastik (Heiliges Lamm) über dem Kapelleneingang. Und die Bürgerschaft Rellinghausen Stadtwad dankt ihm für die finanzielle Unterstützung zur Erstellung der Denkmaltafel. 

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